Wenn Schönheit krank machen kann

Zucht kann etwas Gutes sein. Sie kann dazu beitragen, dass Tiere gesund, belastbar und freundlich sind. Aber Zucht kann auch dazu führen, dass bestimmte Merkmale immer stärker werden. Zum Beispiel eine sehr kurze Schnauze, sehr kurze Beine oder besonders viele Hautfalten. Das wird zum Problem, wenn ein Tier wegen seines Aussehens nicht mehr normal atmen, laufen, sehen, fressen, schlafen oder sich bewegen kann.Wenn ein Merkmal einem Tier Schmerzen, Krankheiten oder starkes Leiden verursacht, spricht man von Qualzucht.

🟢 Unser Grundsatz Gesundheit und Lebensqualität sind wichtiger als ein extremes Aussehen.

Eine Rasse ist nicht automatisch Qualzuch

Auch Hunde derselben Rasse können sehr unterschiedlich aussehen und unterschiedlich gesund sein.

Entscheidend ist deshalb:

Wie stark ist ein Merkmal ausgeprägt und welche Folgen hat es für das Tier?

🔍 Typische problematische Merkmale

🫁 Sehr kurze Schnauze

Bei Hunden mit einer sehr kurzen Schnauze kann im Kopf trotzdem fast genauso viel Gewebe vorhanden sein wie bei einem Hund mit normaler Schnauze. Dadurch können die Atemwege zu eng sein.  Das kann zu Problemen beim Atmen führen.

Mögliche Folgen

  • Atemnot
  • schnelles Erschöpfen
  • starke Probleme bei Wärme
  • Schlafprobleme
  • Probleme bei einer Narkose
  • in schweren Fällen Zusammenbrechen

Beispiele:
Mops, Französische Bulldogge, Englische Bulldogge, Pekingese und Boston Terrier.

Nicht jeder Hund dieser Rassen ist gleich stark betroffen. Es kommt darauf an, wie extrem die Kopfform ausgeprägt ist.

🔴 Besonders wichtig Wenn ein Hund schon bei normaler Bewegung sehr stark hechelt, laut atmet oder bei Wärme schnell Probleme bekommt, sollte man das nicht einfach als „normal für diese Rasse“ ansehen.

👁️ Sehr hervorstehende Augen

Bei manchen Hunden stehen die Augen sehr weit aus dem Kopf hervor. Dadurch können sie leichter verletzt werden.

Mögliche Folgen

  • Verletzungen der Hornhaut
  • trockene Augen
  • Entzündungen
  • Schmerzen
  • schlechteres Sehen
  • erhöhtes Verletzungsrisiko

Beispiele:
Mops, Pekingese und andere Hunde mit sehr kurzer Schnauze und stark hervorstehenden Augen.

🧴 Sehr tiefe Hautfalten

Tiefe Hautfalten können warm und feucht werden. Dort können sich leichter Bakterien und Pilze vermehren.

Mögliche Folgen

  • Hautentzündungen
  • Pilz- oder bakterielle Infektionen
  • unangenehmer Geruch
  • Schmerzen
  • immer wiederkehrende Hautprobleme

Beispiele:
Shar-Pei, Bulldoggen und Neapolitan Mastiff.

Hautfalten sind nicht grundsätzlich krank. Problematisch wird es, wenn sie so tief oder zahlreich sind, dass die Haut dadurch ständig gereizt oder entzündet ist.

🦴 Extreme Körperformen

Auch eine ungewöhnliche Körperform kann Probleme verursachen.

Zum Beispiel:

  • sehr kurze Beine
  • ein sehr langer Rücken
  • stark veränderte Gelenkwinkel

Solche Körperformen können den Bewegungsapparat belasten.

Mögliche Folgen

  • Gelenkprobleme
  • Rückenprobleme
  • Bandscheibenerkrankungen
  • Fehlbelastungen
  • Schwierigkeiten beim Laufen
  • Schmerzen

Beispiel:
Beim Dackel kann der lange Rücken in Verbindung mit seiner Körperform das Risiko für Bandscheibenerkrankungen erhöhen. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Dackel krank ist. Auch hier kommt es auf die individuelle Körperform und den Gesundheitszustand an.

🦷 Kiefer und Zähne

Bei einem sehr kurzen Kiefer haben die Zähne manchmal nicht genug Platz.

Sie können dadurch falsch stehen oder sich gegenseitig behindern.

Mögliche Folgen

  • Zahnfehlstellungen
  • zu wenig Platz für die Zähne
  • Verletzungen im Maul
  • Entzündungen
  • Schmerzen
  • Schwierigkeiten beim Fressen

Auch hier gilt:

Nicht jede kurze Schnauze führt automatisch zu Problemen. Entscheidend ist, wie stark die Veränderung ausgeprägt ist.

👂 Sehr enge Gehörgänge

Bei manchen Hunden können die Gehörgänge sehr eng sein. Dadurch kann das Ohr schlechter belüftet und gereinigt werden.

Mögliche Folgen

  • wiederkehrende Ohrenentzündungen
  • Schmerzen
  • Juckreiz
  • chronische Ohrprobleme
  • im schlimmsten Fall schlechteres Hören

🎨 Fellfarben und Genetik

Eine bestimmte Fellfarbe bedeutet nicht automatisch, dass ein Hund krank ist.

Entscheidend ist, welches Gen die Farbe verursacht und ob dieses Gen unter bestimmten Umständen gesundheitliche Probleme verursachen kann.

🧬 Merle

Merle ist ein bestimmtes Fellmuster.

Es sorgt dafür, dass Teile des Fells heller oder gefleckt aussehen.

🟢 Ein Merle-Hund ist nicht automatisch krank

Ein Hund mit einem einzelnen Merle-Gen kann völlig gesund sein. Das Merle-Muster allein ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen für Qualzucht.

🔴 Merle × Merle

Problematisch kann es werden, wenn zwei Merle-Hunde miteinander verpaart werden. Dann können Welpen entstehen, die zwei Merle-Anlagen bekommen. Diese Tiere werden oft Double Merle genannt. Bei ihnen kann das Risiko für schwere Probleme deutlich erhöht sein.

Mögliche Folgen

  • Taubheit
  • Augenfehlbildungen
  • Sehschwäche
  • Blindheit
  • weitere Entwicklungsprobleme

Nicht das Merle-Muster allein ist das Problem. Besonders problematisch kann die Kombination von zwei Merle-Anlagen sein.

⚪ Weiße Fellfarbe und Taubheit

Bei bestimmten genetischen Formen von sehr starker Pigmentreduktion kann das Risiko für angeborene Taubheit erhöht sein.

Das ist unter anderem bei bestimmten Linien von

  • Dalmatinern
  • Bull Terriern
  • Australian Cattle Dogs

bekannt.

🟡 Nicht jeder weiße Hund ist taub.

Auch hier kommt es auf die Gene und die jeweilige Rasse an. Eine Fellfarbe allein sagt deshalb nicht aus, ob ein Hund gesund oder krank ist.

🔵 Farbverdünnung – Dilute

Bei der Farbverdünnung werden normale Fellfarben heller.

Zum Beispiel:

Schwarz → Blau

Braun → Lilac

Bei manchen Hunden kann diese Genvariante mit einer Haut- und Haarerkrankung verbunden sein. Diese Erkrankung heißt Color Dilution Alopecia (CDA).

Mögliche Folgen

  • dünnes Fell
  • Haarausfall
  • Hautprobleme
  • Entzündungen
  • wiederkehrende Hautprobleme

🟡Nicht jeder Hund mit einer verdünnten Fellfarbe bekommt diese Erkrankung.

Die Farbverdünnung allein bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ein Hund krank ist.

❤️ Verantwortungsvolle Zucht

Warum werden extreme Merkmale überhaupt gezüchtet?

Viele Merkmale sind über viele Jahre durch Zucht entstanden. Wenn ein bestimmtes Aussehen immer wieder bevorzugt wird, kann dieses Merkmal mit der Zeit immer stärker werden. Das kann zu Problemen führen. Deshalb sollte verantwortungsvolle Zucht nicht nach dem Motto funktionieren: „Je extremer, desto schöner.“ Besser ist: „Gesundheit und Funktion vor extremem Aussehen.“ Ein Hund sollte sich frei bewegen, normal atmen und ein möglichst normales Leben führen können. Gesundheitsuntersuchungen können dabei helfen. Sie sind aber nicht alles. Ein Hund kann bei einem Gentest gesund erscheinen und trotzdem wegen seiner Körperform gesundheitliche Probleme haben.

🐶 Worauf sollte man beim Kauf eines Welpen achten?

Nicht nur das Aussehen sollte wichtig sein.

Achte zum Beispiel darauf:

  • Können die Elterntiere normal atmen?
  • Können sie problemlos laufen?
  • Können sie sich körperlich normal bewegen?
  • Haben sie gesunde Augen?
  • Haben sie keine extremen Hautfalten?
  • Sind ihre Körperproportionen funktionell?
  • Gibt es Gesundheitsuntersuchungen?
  • Sind die Gesundheitsunterlagen nachvollziehbar?
  • Werden wichtige Gentests durchgeführt, wenn sie für die Rasse sinnvoll sind?

Auch das Verhalten der Elterntiere kann wichtige Hinweise geben.

🧭 Schnell-Check

Kann der Hund …

☐ normal atmen?

☐ problemlos laufen?

☐ sich bei Wärme ausreichend abkühlen?

☐ ruhig und ohne Atemprobleme schlafen?

☐ normal fressen und trinken?

☐ gut sehen?

☐ gut hören?

☐ sich ohne Schmerzen bewegen?

☐ sich auf natürliche Weise fortpflanzen und gebären?

Wenn mehrere dieser Fragen mit „Nein“ beantwortet werden müssen, sollte die Zuchtform kritisch betrachtet werden.

Dabei gilt:

Nicht jeder Hund einer bestimmten Rasse ist automatisch krank.

Wichtig ist immer der einzelne Hund und die Stärke des jeweiligen Merkmals.

📌 Merksatz

Gesundheit vor Schönheit.

Ein Tier sollte nicht so gezüchtet werden, dass sein Aussehen sein normales Leben beeinträchtigt.

Ein Hund sollte: atmen – laufen – sehen – hören – fressen – schlafen – sich abkühlen – sich schmerzfrei bewegen können.

ℹ️ Wichtiger Hinweis

Die Informationen auf dieser Website dienen der allgemeinen Information. Sie ersetzen keine Untersuchung durch eine Tierärztin oder einen Tierarzt. Gesundheitsprobleme können innerhalb einer Rasse sehr unterschiedlich sein. Deshalb sollte bei einer Zuchtentscheidung immer der einzelne Hund betrachtet werden. Auch ein unauffälliger Gentest bedeutet nicht automatisch, dass ein Hund für die Zucht gesundheitlich uneingeschränkt geeignet ist. Auch bei Fellfarben gilt: Nicht die Farbe allein ist das Problem. Entscheidend ist die genetische Ursache und ob sie gesundheitliche Probleme verursachen kann.

Gesundheit sollte immer wichtiger sein als Schönheit.

Ein Tier sollte so gezüchtet werden, dass es gesund, beweglich und möglichst beschwerdefrei leben kann.